Lichtweg

Lichtweg

Bestattungen und Trauerkultur Ravensburg

... den letzten Abschied bewusst erleben und gestalten.

“… ruft mich der Tod, dann tret’ ich vor
und es entweicht der Erd’ gewicht.      
Ich trete durch ein helles Tor,                 
um aufzugehn im Quell des Lichts.”     

                                             Klaus Schulz

Aktuelles

Erinnerungsfeier Lichtweg Ravensburg 29.03.2020

aufgrund der Einschränkungen durch die Corona-Pandemie fand die Feier ohne Angehörigen und Familien statt. Wir haben trotzdem von allen Verstorbenen die wir im letzten Jahr begleitet haben, die Namen vorgelesen und jeweils eine Kerze angezündet.

Als Einführung hat Ulrike Hess einen Text verlesen, den Lissy Staud, eine Autorin aus Hamburg, geschrieben und uns zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt hat.
Vielen Dank dafür. 

“Eine Verstorbene erzählt von ihren Erfahrungen mit dem Tod und dem Leben danach.”
von Lissy Staud, Hamburg

Wie still es auf einmal war. Nicht von Anfang an. Meine Ohren waren noch lange mit dieser Welt verbunden. Als könnte ich mich nicht vom Gesang der Vögel verabschieden. Vom Lachen meiner Mitmenschen und dem Winseln und Bellen meines Hundes. Alles was danach im Sterbezimmer noch gesprochen wurde, habe ich gehört. Das Weinen, das Schluchzen, das schmerzhafte Stöhnen. Die ersten Besprechungen was mein Grab betraf. Nebenbei gesagt, für die Tulpen, die ich anscheinend so lieben würde, hätte ich mich nie entschieden. So gut also kennen Kinder ihre Eltern. Aber gut. Auch das gehörte dazu. Sogar meinen letzten Atemzug, habe ich gehört. Das war ein großer Schritt, als würde die Nabelschnur ein zweites mal durchgetrennt werden. Ich weiß nicht woher ich das Vertrauen nahm. Es war da und ich bin gesprungen.

An Engel habe ich nie geglaubt zeit meines Lebens, aber auf einmal waren zwei da. Standen links und rechts neben dem Bett. Zwei große, schöne. Zwei sanftmütige Engel. Ich hab` sie sofort angesprochen, ob sie mir sagen könnten wie es jetzt weiter geht, so als würde ich nach dem Weg zum Bahnhof fragen. Mir war schon klar, dass das hier so nicht geht, aber mehr wusste ich auch nicht. Ich vertraute ihnen. Vorsichtig hoben sie meinen Körper hoch, so dass ich das Gefühl hatte, über dem Bett zu schweben. Sie sangen ein Lied. Nur für mich. Ich meine ein Lied, nur für mich. Ich kann mich nicht erinnern, wann mir zum letzten Mal jemand etwas vorgesungen hat. Nicht einmal an ein Wiegenlied kann ich mich erinnern oder an so etwas ähnliches. Der Gesang der Engel klang so lieblich, so zart, so nah, dass ich ganz still wurde. Plötzlich wusste ich, dass es jetzt auf etwas ganz anderes ankommt.

Ich sah mich durch den Wald reiten. Wie glücklich ich war auf dem Rücken meines Pferdes. Ich roch den Wind, die Tannen, den feuchten Waldboden. Ich sah den Vögeln beim Bauen ihrer Nester zu. Nirgendwo habe ich mich so frei und glücklich gefühlt wie in der Natur. Die Grenzen meines Alltags lösten sich auf. Lange habe ich nicht begriffen, auch nach meinem Tod, lange nicht begriffen, dass es um diese Stille, um diese Freiheit ging. Um diesen Teil meines Lebens, dem ich nur in der Natur begegnen konnte. Meine Sehnsucht, meine Liebe, meine Freude blühten zwischen Bäumen auf, hüpften über Gräser und spazierten an Flüssen entlang. Nicht aber in der Familie, nicht bei der Arbeit. Da musste ich eine Rolle spielen. Ich habe es selbst so gewählt und es hat mir geholfen.

Alle Rollen, auch jene, auf die wir so stolz waren, für die wir uns manchmal sogar verbogen haben, die wir uns hart erarbeitet haben, fallen von uns ab wie im Herbst die Blätter von Bäumen. Dennoch bleibt etwas.

Nachdem ich gestorben war, begann ich mich in jene Räume einzufühlen, die mir zeitlebens verschlossen blieben. Ich spürte die Enge in meiner Brust, die Angst, die Dunkelheit – in mir drängten sich mehrere Zeitspannen zusammen. Immer enger, immer enger, immer dichter und dichter wurde es, bis ich schließlich … bis ich schließlich alles losgelassen habe. Alles! Das war wie eine Geburt und trotzdem ganz anders. Schwer zu beschreiben.

Nach der Öffnung sind Helferinnen und Helfer herbei geeilt. Sogar Hildegard von Bingen hatte mich besucht mit einem Bündel Kräuter in der Hand. Hildegard von Bingen. Was sagt man dazu. Meiner Tochter hatte ich ein Buch von ihr geschenkt. Und nun stand sie vor mir. Ich bekam kein Wort heraus. Das war auch nicht notwendig. Hier versteht man sich ganz ohne Worte. Dann kam Simone de Beauvoir. Ehrlich gesagt hatte ich bis dahin noch nie von ihr gehört, aber sie gefiel mir gut und unsere Seelen waren sich nah.

Die Liebe, der ich hier begegnet bin, ist mit Worten nicht zu beschreiben. Und ich weiß jetzt, dass es im Grunde nur um diese Liebe geht. Hier wie dort. Und je mehr ich mir meiner Seele bewusst werde, desto deutlicher spüre ich, dass ich ein Teil dieser Liebe bin und verstumme vor Glück. Noch habe ich meinen irdischen Körper nicht ganz abgelegt. Im Geiste ist er immer noch da und ich arbeite mit ihm. Der Umbau dauert lange. Schicht um Schicht wird er vom Licht durchtränkt. Warum erzähle ich Euch das alles? Ich erzähle es Euch, weil ich Euch wissen lassen möchte, dass ich auf einem guten Weg bin, auf einem sehr guten, und weil es mir wichtig ist Euch zu sagen, dass jede und jeder von Euch es wert ist tief geliebt zu werden. Wir sehen uns! Bye